Liebe Leser, dies ist ein Geständnis. Nein, ich habe weder Fleisch noch Milchprodukte oder Eier gegessen, an der Veganerfront ist also noch alles im Lot.
Aber: ich habe mich überfressen.
Manch eine/r von euch wird sich nun denken: Na und? Das passiert mir ständig. Aber ich meine nicht das Gefühl von Food-Coma oder Food-Pregnancy, das wohl jeden mal befällt, besonders sonntags mittags nach einem üppigen Essen an Mamas Tisch. Solche Zustände gehen meist nach einigen Stunden oder einem schönen Spaziergang wieder weg. Aber das Überfressen, das ich meine, dauert bereits Monate und ich habe den Eindruck, dass ich das Problem hier mal öffentlich aussprechen muss, damit mir vollends bewusst wird, dass es so nicht weitergehen kann.
Ich gehöre zu den Leuten, die es nicht einsehen, sich aus Diätgründen zu kasteien. Ich glaube nicht an Abnehm-Diäten, jedenfalls nicht an deren langfristigen Wert oder gesundheitlichen Nutzen. Vielmehr finde ich es mega-albern, wenn mir Leute sagen, dass sie bis abends um sechs nur ein trockenes Brötchen gegessen haben. Ganz ehrlich: das ist nicht nur enorm ungesund, sondern auch ziemlich unglaubwürdig, und wenn das jemand wirklich öfter so macht und das auch noch durchhält, dann stimmt was mit dem Stoffwechsel dieser Person nicht. Mir ist sehr bewusst, dass wir in der westlichen, reichen Welt uns keinerlei Sorgen über die Verfügbarkeit von Lebensmitteln machen müssen und niemals den Hunger erleiden müssen, dem die Menschen in vieln Entwicklungsländern tagtäglich unfreiwillig ausgesetzt sind. Trotzdem, nein, eigentlich genau deswegen glaube ich daran, dass wir eine ausgewogene und vor allem moderate Ernährungsweise praktizieren sollten, ohne "freiwilliges" Runterhungern auf ein krankes Schönheitsideal, aber auch ohne ständige Völlerei. Übergewicht und Untergewicht sind gleichermaßen gefährlich.
Da ich noch nie der Typ für Untergewicht war und außerdem kürzlich eine Schilddrüsenerkrankung in Form einer Unterfunktion (war ja klar...) bei mir diagnostiziert wurde, stehen die Zeichen meines Körpers tendenziell sowieso auf der stämmigeren Seite. Zu allem Überfluss gehöre ich zu der Sorte Mensch, die psychischen Stress, wie er z.B. in der Endphase des Studiums auftritt, am liebsten mit ungesundem Essen kompensiert. Und weil ich im vergangenen Jahr recht viel von diesem physischen Stress hatte, habe ich mir über mehrere Monate hinweg eine Art zu essen angewöhnt, die mich mit ziemlicher Sicherheit zu einem sehr dicken und sehr trägen Menschen machen wird. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich gerade mit dem Vorurteil aufräume, Veganer seien grundsätzlich unterernährt und bleich. Meine ständig steigende Konfektionsgröße spricht da eine ganz andere Sprache, und Übergewicht kann man auch dann bekommen, wenn die Cholesterinwerte (bedingt durch den nicht-existenten Anteil an tierischen Fetten in der Nahrung) niedrig sind.
Ich möchte nicht wirklich über mein Gewicht in Form von Zahlen sprechen, aber ich weiß, dass ich mein Wohlfühlgewicht längt überschritten habe. Statt energiegeladen und schön empfinde ich mich als wabbelig, schwerfällig und müde. Da hilft es auch nicht, dass ich in solchen Situationen gerne etwas zum Knabbern bei mir habe, das mich ablenkt und kurzfristig glücklich macht. Wie ihr seht, bin ich also schon mitten im Teufelskreis der unkontrollierten Gewichtszunahme und das kann und darf so nicht weitergehen.
Und da ich ohne äußeren Druck gerne mal in meinen unbequemen Entscheidungen wanke, propagiere ich jetzt hier in dieser öffentlichen Form, dass ich ab März auf unbestimmte Zeit meine Ernährungsweise mit ein paar simplen Regeln umstellen werde. Genauso wie ich ohne wirkliche Übergangszeit vom Omnivoren zum Veganer wurde, werde ich auch dieses Mal von heute auf morgen aus gewohnten Konventionen ausbrechen. Never change a winning horse, sagt man ja im Englischen. Wenn es also schon einmal auf diese radikale Weise erfolgreich mit einer Umstellung geklappt hat, dann wird es vermutlich auch ein zweites Mal funktionieren.

Folgenden Plan habe ich mir also überlegt:

  • Mindestens 60% meiner Mahlzeiten sollen aus rohen und weitestgehend unverarbeiteten Lebensmitteln bestehen. Im Klartext heißt das also: mehr Salat, mehr Smoothies und frische Säfte, mehr Obst und Gemüse als Snacks für Zwischendurch, mehr Vollwert und weniger Fertigfutter. Das dürfte mit am Einfachsten sein, weil ich mich schon länger in diese Richtung bewege. Wären da nur nicht immer die Chips und Süßigkeiten...
  • Kein Alkohol ohne triftigen Grund! Ich werde die Alkoholmenge, die ich trinke, reduzieren. Es ist nicht so, dass ich viel trinke oder besonders regelmäßig trinke, aber viele Gläser Bier, Wein oder Schnaps sind völlig unnötig. Ich möchte mich nicht selbst kasteien und auf jeglichen Alkohol verzichten. Es muss aber einen Anlass geben. Also nix mehr mit drunk for drunk's sake!
  • Keine Kohlenhydrate mehr nach 18 Uhr. Überhaupt will ich abends meine Nahrungsaufnahme drastisch drosseln. Keine Chips oder Nüsse mehr vor dem Fernseher, keine Kochorgien aus Langeweile oder Frust. Stattdessen Obst, Gemüse, Salate und noch mehr Küchenkreativität, Baby!
  • Nicht mehr so viel naschen! Ich werde nicht mehr den halben Schokokuchen alleine innerhalb von einem Tag aufessen. Ich werde nicht mehr eine komplette Tafel Schokolade in 30 Minuten runterschlingen. Ich brauche auch nicht zu jedem Kaffee irgendetwas Süßes.
  • Ein Teller voll Essen ist genug pro Mahlzeit. Es kann schon mal passieren, dass ich zwei- oder sogar dreimal Nachschlag nehme und ich vermute, dass das die größte Herausforderung werden wird. Mein Magen ist große Nahrungsmengen gewohnt und bis er sich von selbst an kleinere Portionen gewöhnt hat und ich schneller satt bin, muss ich wohl einfach meinen Appetit bekämpfen. Unterstützend werde ich natürlich langsamer und bewusster essen, davon wird man ja bekanntlich auch schneller satt.
  • Und natürlich, last but not least: mehr sportliche Betätigung! Viel mehr!!!

Mein Plan ist nicht als Diät, sondern als langfristige Ernährungsumstellung und -gewohnheit gedacht. Ob ich es durchhalte, vor allem durch die neue Stressphase hindurch? Ich kann es natürlich nicht vorhersehen, aber ich nehme es mir fest vor und mache ein Versprechen an mich selbst und ihr seid meine Zeugen: ich verspreche mir hiermit, mein Wohlfühlgewicht zu erreichen und zu halten. Let the adventure begin!

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Edit [29.02.2012]
Der Kommentar von Goiken hat mich gerade darauf aufmerksam gemacht, dass ich klarstellen sollte, dass ich hier niemanden mit einer Essstörung verbal attackieren möchte. Essstörungen, egal in welche Richtung, sind ein ernstzunehmendes Problem, das nicht kleingeredet oder diffamiert werden darf. Wenn ich also von Menschen schreibe, die mir erzählen, sie würden öfter nur ein Brötchen von morgens bis abends essen, dann meine ich damit Menschen, deren physische und psychische Konstitution darauf schließen lässt, dass sie gerade nicht an einer krankhaften Essstörung leiden, sondern lediglich irgendwelchen unsinnigen Diät-Fads hinterherrennen, meist mit drastischen Jojo-Effekten und diversen Heißhungerattacken. Hätte ich bei Bekannten und Freunden den Eindruck, dass ein solches Essverhalten die Regel ist und gäbe es Grund zur Annahme, dass damit psychische Probleme in Verbindung stünden, dann würde ich diese Freunde natürlich darauf ansprechen, meine Hilfe anbieten und sie nicht verurteilen.
Ich selbst bin im Übrigen noch weit entfernt von einem gesundheitlich bedenklichen Gewicht, geschweigedenn einer ernsthaften Essstörung. Aber das Körpergefühl sagt mir einfach, dass etwas nicht richtig ist und dass ich etwas ändern muss.